Die Frage, die ich mir im Vorfeld, bevor ich dieses Buch las, stellte war, was kann dieses Buch leisten, wer sind seine Adressaten?

Ich hatte schon von diesem Buch gehört, was natürlich auch mit der Prominenz seines Autors zusammenhängt, dabei fand ich es auch mutig, von einer Person, die in der Öffentlichkeit steht, über so private Erfahrungen zu schreiben, sie quasi mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Gleichzeitig hatte ich aber auch Angst, mit dem Lesen anzufangen. Habe mich gefürchtet vor dem Leiden, dass ich als Leiterin der Krebsberatungsstelle Ostfriesland so oft hautnah miterlebt habe.

Ich habe keine Angst vor menschlichem Leid. Aber ich habe oftmals in dieser Zeit erfahren müssen, wie sinnlos und vermeidbar viele Schmerzen, Ängste und Leiden gewesen wären, hätten die Beteiligten (besser) miteinander kommuniziert und ihre Eitelkeiten dem einzig sinnvollen Ziel, Patienten und Angehörigen in jeder Situation ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, untergeordnet hätten.

Zwischendurch musste ich das Buch aus der Hand legen. Neue Kraft schöpfen, um weiterlesen zu  können. Diese fast atemlose Schilderung des Verlaufs einer Krebserkrankung aushalten und verarbeiten zu können, aber auch immer wieder im inneren Austausch mit dem Vergleich der Alltagsrealität in der Krebsberatung  zu sein.

Was es mir leichtgemacht hat, war der schöne, literarische Stil, die gute Lesbarkeit, die ausdrucksstarke Sprache des Erzählers, die diesem Thema, um das es hier geht, mehr als gerecht wird.

Oft haben mich Gedanken an Patienten eingeholt, solche die noch leben, aber auch solche, die schon gestorben sind.

Seit im Herbst 2005 die berufliche Frage an mich herangetragen wurde, ob ich mir vorstellen kann, mit Krebskranken und ihren Angehörigen zu arbeiten, beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema, besonders wie die Situation im ländlichen Raum für Patienten und ihre Angehörigen verbessert werden kann,  welche Möglichkeiten es gibt, neben der zweifellos guten medizinischen Versorgung die psychosoziale Situation aller Beteiligten (besser) zu gestalten bzw. ein Stück Menschlichkeit in eine Thematik einziehen zu lassen, die irgendwann uns alle einmal persönlich (ob als Angehöriger oder als Patient) selber sehr wahrscheinlich betreffen könnte.

Davon handelt dieses Buch.

Es ist geschrieben worden von einem Angehörigen (dem Ehemann), der hilflos mit ansehen musste, wie seine Partnerin (trotz guter medizinischer Versorgung) im Kampf gegen die Krankheit und für das Leben in beispiellosem Energieaufwand und unglaublichen Qualen unterliegt, aber bis zuletzt die Würde einer starken Persönlichkeit behält.

Er schreibt: „Eine Katastrophe ist nicht kleiner, wenn sie erwartet eintritt.“  Ich glaube, dass das das Vermächtnis dieses Buches ist. Es zeigt eine Situation, der wir hilflos ausgeliefert sein könnten. Das kann man nicht lernen. Darauf kann sich kein Mensch vorbereiten. Aber wir haben das Glück, diese Erfahrungen miteinander zu teilen, wenn es so mutige Menschen wie Werner Schneyder gibt.

Als ich die letzten Zeilen seines Buches gelesen habe (ich gebe zu, ich habe diesen Zeitpunkt am Ende etwas hinausgezögert), habe ich geweint.

Das ist der schwere Aspekt dieses Buches. Dass wir das, was uns da erzählt wird, nicht beeinflussen können. Dass wir - obwohl wir wissen wie es endet - immer noch hoffen, dass am Ende alles gut wird. So wie alle meine Patienten gehofft haben. Und ich habe sie darin bestärkt.

Solange wir atmen, denken, solange leben wir. Und auch wenn unser Körper stirbt, lebt unser Geist bis zum Schluss. Danach kommt es darauf an, woran wir glauben, was uns Trost und Hoffnung gibt.

Mir hat etwas viel Hoffnung gegeben, was Werner Schneyder am Ende des Buches schreibt: „Wer sie gekannt hat, hat sie lieb gehabt. Wer sie nicht gekannt hat, soll mir glauben, er hätte sie lieb gehabt.“ Das hat mir Mut und Hoffnung gemacht.

Wenn ich am Ende meines Lebens stehe, möchte ich auch so einen Partner haben. Der mich achtet, respektiert, der mich liebt.

Das alles hat W. Schneyder seiner Frau geschenkt, deren Namen er uns nicht verrät. Vielleicht ist das die Intimität, die er nicht mit uns teilen will? Ich respektiere das. Es tut gut zu teilen, aber nicht alles.

Ich möchte Menschen Mut machen genau dieses Buch zu lesen. Weil es sich lohnt. Nicht gerade dann, wenn ich akut mit dieser schweren Krankheit kämpfe. Aber für Partner, Freunde, Familie könnte dieses Buch ein Sprachrohr werden. Ausdrücken, welche Ohnmacht in solch einer Situation dann in mir ist.

Werner Schneyder nennt das seinen „Hirnkrebs“. Das Nachdenken über die Zeit danach. Die Auseinandersetzung mit dem Sterben, bevor jemand gestorben ist, der doch alle Zuversicht und Kraft von uns braucht, die wir aufbieten können.

Dürfen wir das? Ich denke ja. Auch die, die überleben haben ein Recht auf ein Leben danach.

Deshalb habe ich es auch nicht so aufgefasst, dass er das Buch seiner neuen Lebenspartnerin widmet, sondern vielmehr einen direkten Zuhörer brauchte, dem er all das, was er im Zusammenhang mit der Erkrankung seiner Frau erlebt hat, erzählen konnte - drei Jahre danach. Auch um es zu verarbeiten.

Solche  starken Gefühle und Erinnerungen kann man nicht der anonymen Leserschaft erzählen. Das wäre haltlos, würde eigenes Leid noch vergrössern. Ich finde ihn sehr mutig und habe ihm an jeder Stelle seines Textes geglaubt, dass er mit sich kämpfen muss, ob er dieses alles erzählen darf. Ob er damit vielleicht zuviel von der Intimität seiner Frau preisgibt? Ich bin ihm sehr dankbar dafür, dass er sich getraut hat. Das er mir diese Erfahrung, dieses Teilen geschenkt hat. Er nennt das: „Die Hilflosigkeit meines Lebens vor der Hilflosigkeit ihres Sterbens.“

Und schreibt weiter: „Da sind Erfahrungen dabei, die ich gerne öffentlich machen möchte.“  Er wünscht sich, dass der eine oder andere Arzt dieses Buch liest, „und sich bewusster macht, vor welchem Hintergrund er seine medizinischen Entscheidungen trifft.“

Es geht auch immer wieder um die Frage, um welchen Preis dürfen wir Leben verlängern? „Ich habe ihm gesagt, das Schlimmste, was man ihr antun kann, ist eine Lebensverlängerung mit Würdeverlust. Aber Würde ist keine medizinische Kategorie.“

Mich hat dieses Buch sehr berührt. Ich würde darüber gerne in Kontakt kommen mit Anderen, die „wie-auch-immer“- Betroffene sind.

Eigentlich gibt es niemanden, der nichts mit dem Thema zu tun hat.

Jeder von uns kennt einen Menschen, ob vom Hörensagen oder im direkten Umfeld, der betroffen ist.

Der leidet, der kämpft, der gewinnt oder auch verliert.

 

 

 

Von der Hilflosigkeit des Sterbens

Werner Schneyder: Krebs. Eine Nacherzählung

Von Kerstin Engel

schneyder

 

Werner Schneyder. Krebs. Eine Nacherzählung.Verlag  Langen-Mueller, 2008. 17.90 EUR. ISBN 978-3784431277

 

Werner Schneyders Buch ist auch eine Kritik am Bestreben vieler Ärzte, Leben um jeden Preis - und bis zur Grenze der Entwürdigung - zu verlängern.

Was kann, was darf die Medizin? Und wo sind die Grenzen? Wie ist Ihre Meinung dazu? Diskutieren Sie mit. In unserem Forum.

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