22. Oktober 2007

 

Krebs trifft auch die Glücklichen

Traurige und stille Menschen erkranken eher an Krebs? Sind irgendwie selber schuld? Eine Studie räumt mit diesen Vorstellungen auf. Gründlich.

 

Norman Mailer glaubte zu wissen, was er tun musste, um gesund zu bleiben. Als der amerikanische Schriftsteller 1960 seine zweite Frau Adele Morales im Vollrausch niederstach, begründete er die Bluttat damit, dass er Krebs bekommen hätte, wenn er sich nicht auf diese Weise von seinen "mordlustigen Regungen" befreit hätte.

Susan Sontag schrieb 1978 in ihrem Buch "Krankheit als Metapher" über Krebs als Leiden der "seelisch Angeschlagenen". Bis heute hat sich die Vorstellung von einer "Krebspersönlichkeit" gehalten. Demnach bekommen Menschen, die eher in sich gekehrt sind, häufiger Tumore als jene, die aus sich herausgehen können. Die Wissenschaft widerspricht dem seit langem, und erhält durch eine neue Studie weiter Unterstützung.

"Weder direkt noch indirekt haben Gefühlszustand und Charakter etwas mit der Prognose von Krebs zu tun", sagt James Coyne von der University of Pennsylvania in Philadelphia. Der Psychiater und sein Team haben zehn Jahre lang mehr als 1000 Patienten mit fortgeschrittenen Tumoren an Kopf und Hals untersucht und ihr psychisches Befinden analysiert. Mehr als 600 Patienten sind im Verlauf der Untersuchung gestorben.

Die Studie, die an diesem Montag im Fachblatt Cancer erscheint, zeigt, dass auch diejenigen, die sich in den Befragungen und psychischen Tests relativ zufrieden und ausgeglichen äußerten, nicht länger lebten als jene, die niedergeschlagen und unglücklich waren.

"Es gibt bisher keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass psychische Faktoren für die Entstehung von Krebs oder die Überlebenschancen relevant sind", sagt Peter Henningsen, Leiter der Klinik für Psychosomatik an der Technischen Universität München.

Entlastender Effekt

Vermutungen, dass der Charakter oder die Persönlichkeit etwas mit der Krankheit zu tun hätten, seien zudem immer auch mit der Annahme von Schuld verbunden, sagt Henningsen und fordert daher: "Wenn man mit der Mär von der Krebspersönlichkeit aufräumt, hat das auch einen entlastenden Effekt für die Patienten."

Gerade am Anfang der Erkrankung hätten die meisten Krebspatienten Schwierigkeiten, ihr Leiden zu akzeptieren, sagt Peter Herschbach, der die Sektion für Psychosoziale Onkologie an der Technischen Universität München leitet. "Sie fragen sich: Warum gerade ich, war es der Stress oder bin ich vom Charakter her gefährdet?"

Krankheit als Strafe

Erwachsene bezichtigen sich dann häufig selbst, falsch gelebt zu haben. Kinder glauben oftmals, dass sie krank geworden sind, weil sie nicht artig waren. "Krebs ist ein unfaires Unternehmen", sagt Charlotte Niemeyer, Leiterin der Kinderonkologie an der Freiburger Universitätsklinik. "Wen es trifft, den trifft es."

Wer sich mit seiner Krankheit auseinandersetzen will, um sie besser zu verarbeiten, soll das tun - da sind sich alle Experten einig. "Die Erwartung, Krebs zu bekämpfen und das Leben zu verlängern, indem man sein psychisches Befinden verbessert, ist jedoch völlig fehl am Platz", sagt Psychiater Coyne.

Wer sich durch eine Psychotherapie oder in einer Selbsthilfegruppe besser fühle und den Kampfgeist gegen seine Erkrankung stärken will, solle entsprechende Angebote wahrnehmen, das könne emotional und sozial aufbauen. "Die rein körperliche Prognose wird dadurch aber nicht beeinflusst", sagt Peter Herschbach. "Für Betroffene kann es dennoch hilfreich sein, schließlich stellen sich viele Krebspatienten die Frage, wie sie die Zeit erleben, die ihnen noch bleibt."

Werner Bartens

Süddeutsche Zeitung v. 22.10.2007

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